
Warum immer mehr auf den Balearen Geborene ins Ausland ziehen
Warum immer mehr auf den Balearen Geborene ins Ausland ziehen
Das Statistikamt zählt rund 12.700 auf den Balearen Geborene im Ausland. Wer geht — und warum das Problem in Palma anders aussieht als die Zahlen vermuten lassen.
Warum immer mehr auf den Balearen Geborene ins Ausland ziehen
Leitfrage: Was sagt es uns, wenn fast 13.000 Menschen, auf diesen Inseln geboren, woanders leben?
Das spanische Statistikamt nennt Zahlen: Rund 12.700 Menschen, die auf den Balearen geboren wurden, leben aktuell im Ausland; im vergangenen Jahr kamen knapp 430 dazu. Palma selbst zählt 2025 etwa 443.200 Einwohner — gegenüber 2022 ein Plus von etwa fünf Prozent. In den letzten drei Jahren hat die Stadt über 4.000 in Spanien Geborene verloren, gleichzeitig kamen fast 20.000 Menschen aus Südamerika hinzu. Diese Rohdaten werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten liefern.
Kritische Analyse
Die nackten Zahlen verraten einen Wechselspiel von Ab- und Zuzug: Geburtsort allein sagt nichts über Zugehörigkeit oder Perspektiven. Viele Balearisch Geborene gehen zum Studieren, in internationale Jobs oder weil sie sich ein Leben leisten wollen, das hier oft teuer ist. Palma wächst weiter — aber die Zusammensetzung ändert sich: Mehr Zuzug von außerhalb Spaniens, Abwanderung von Spaniern und ins Ausland Geborenen. Das kann funktionieren; es kann aber auch soziale Spannungen erzeugen, wenn Schulen, Wohnungen und Jobs sich rasant verschieben.
Ökonomisch ist die Insel stark vom Tourismus geprägt. Viele Arbeitsplätze sind saisonal und schlecht bezahlt. Wer eine handfeste Karriere anstrebt — Forschung, digitale Berufe, industrielle Ausbildung — sucht das Festland oder das Ausland. Gleichzeitig drücken steigende Immobilienpreise junge Familien aus der Stadt. Dass insbesondere Länder wie Frankreich und das Vereinigte Königreich als Ziele genannt werden, passt in dieses Bild: Sprachliche Nähe, Studienplätze, bestehende Netzwerke.
Was im öffentlichen Diskurs fehlt
Öffentlich wird oft das reine Wachstum gefeiert — mehr Einwohner gleich Erfolg. Dabei fehlt der Blick auf die Herkunft der Neuzugänge und auf Abwanderungsgründe. Es fehlt an Daten zu Rückkehrern, zu beruflichen Hintergründen der Weggezogenen und zu langfristigen Folgen für Schulen, Gesundheitsversorgung und lokale Wirtschaftszweige. Auch die Rolle von Saisonarbeit, kurzzeitigen Mietverträgen und dem Druck auf Wohnraum wird zu selten zusammenhängend betrachtet.
Alltagsszene aus Palma
Am frühen Morgen auf dem Mercado de l'Olivar duftet es nach frischem Kaffee, die Lieferwagen hupen, Straßenfeger arbeiten gegen den Feinstaub vom Paseo Marítimo. Auf der Plaça Major sitzt ein älteres Ehepaar aus Son Ferriol und beobachtet eine Gruppe junger Leute mit Rucksäcken, die zur Bushaltestelle Richtung Flughafen hasten. Manche steigen in Maschinen nach London oder Paris, andere in Busse zum Hafen, um übers Festland zu reisen. Diese Szenen zeigen: Die Insel ist ein Knotenpunkt, nicht nur ein Heimathafen.
Konkrete Lösungsansätze
Wer will, dass mehr hier Geborene bleiben oder zurückkehren, muss an mehreren Schrauben gleichzeitig drehen. Erstens: bezahlbarer Wohnraum — nicht nur Einmalaktionen, sondern verbindliche Quoten für dauerhaften Wohnraum in Neubauten und Wiederverwendung leerstehender Objekte. Zweitens: berufliche Perspektiven — Ausbildungsplätze in technologie- und gesundheitsnahen Bereichen fördern, Kooperationen mit Universitäten auf dem Festland und in Europa stärken. Drittens: Jahreswirtschaft statt Saisonwirtschaft — Anreize für Betriebe, Beschäftigung über das ganze Jahr anzubieten. Viertens: Rückkehrförderung — Stipendien, gründen-Beratungen und steuerliche Anreize für Rückkehrer und junge Familien. Fünftens: bessere Datenerhebung – regelmäßige Befragungen zur Motivation von Weggang und Rückkehr, damit Politik zielgerichtet planen kann.
Was jetzt zu tun ist
Viele dieser Ansätze kosten Geld und brauchen politische Rückendeckung. Aber sie sind kein Wunschkonzert, sondern Infrastrukturarbeit: Kindergärten, Verkehrsverbindungen in die Dörfer, digitale Netze in kleineren Orten — das sind die Bedingungen dafür, dass junge Familien nicht nach dem ersten Jobangebot gehen. Behörden und Unternehmen müssten gezielter zusammenarbeiten; die Inselregierung sollte die Frage nicht abstrakt lassen, sondern mit klaren Kennzahlen arbeiten.
Fazit: Die Zahlen über Auslandswohnsitze und die Bevölkerungsverschiebungen in Palma sind mehr als Statistik. Sie sind Hinweise auf strukturelle Probleme: Wohnen, Arbeit, Jahreszeitenökonomie. Wer nur das Wachstum applaudiert, übersieht Risiken. Wer das Problem ehrlich angeht, kann aus der Mobilität aber auch eine Chance machen — mit konkreten Programmen, die hier Geborenen Perspektiven bieten, ohne die Offenheit für Zuzug zu verlieren.
Ein letzter Gedanke: Es geht nicht darum, Menschen festzuhalten wie Andenken in einer Vitrine. Mobilität ist Realität. Die Aufgabe ist, die Insel so zu gestalten, dass Aufbruch und Rückkehr gleichermaßen möglich und attraktiv sind.
Für Dich gelesen, recherchiert und neu interpretiert: Quelle
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